Im Sommer 2010 lernt sie bei der Arbeit Felix kennen, einen der "nettesten Menschen der Welt", wie sie bald von ihm sagt, aber Interesse an ihm als Mann hat sie nicht.Optisch ist er nicht ihr Typ, außerdem ist er ziemlich klein, sie hat andere Vorstellungen.Doch sie arbeiten über Wochen zusammen, er zeigt irgendwann ziemlich deutlich sein Interesse an ihr, sie sind sich einig über zentrale Fragen, haben die gleichen Ziele, den gleichen Humor.

Ein paar Wochen später werden sie ein Paar – es ist unkompliziert mit ihm, er ist zuverlässig, sie verstehen sich. Sie darf nicht nur – sie hat sogar die größeren Erfolgsaussichten als eine Liebe, die auf romantischer Verliebtheit gründet.

"Ich war so lange Single", sagt Sarah, "und ich dachte mir einfach: Es stört mich nichts Gravierendes, wir verstehen uns so gut, ich sollte das jetzt einfach mal machen." Und bis heute hat sie es nicht bereut. So nüchtern, überlegt, ohne Schmetterlinge-im-Bauch-Moment? Und sie ist die Chance für die vielen Singles, die regelmäßig an ihren zu hohen Ansprüchen und Vorstellungen davon scheitern, wie eine vermeintlich perfekte Liebe zu sein hat: "Eine warmherzige Zuneigung reicht für eine glückliche Beziehung völlig aus", sagt Paartherapeutin Ingrid Strobel, "Rauschhaftes Verliebtsein bildet nicht die Basis für eine langfristige Partnerschaft." Viel wichtiger seien gemeinsame Ziele, ähnliche Werte und Moralvorstellungen. Die braucht es, um sich auf eine Beziehung mit jemandem einzulassen, der kein wohliges Sehnen hervorruft.

Genau dieser Perspektivwechsel von der Romanze zur Realität kann sich lohnen.

Vom Paar- und Psychotherapeuten Arnold Retzer stammt die vor fünf Jahren erschienene und viel diskutierte "Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe".

Die "FAZ" nannte den Mythos von der romantischen Liebe gar den "Leitstern unserer Zeit", eine "Pseudoreligion" – was nicht übertrieben ist.

Prominente wie Nichtprominente inszenieren ihre Hochzeiten bis zur Perfektion, lassen sich für ihre Liebe bewundern und tragen sie zur Schau.

Denn Romantik läuft gut: Die VOX-Sendung "4 Hochzeiten und eine Traumreise" etwa erreicht zweistellige Marktanteile in der jungen Zielgruppe.

In "Lob der Vernunftehe" konstatiert er: "Vernünftige Vorstellungen, Erwartungen und Verhaltensweisen führen zu einer guten ehelichen Lebensqualität."Und die ist es nämlich, die uns dauerhaft glücklich macht und erfüllt.

Nicht das wahnsinnig aufregende Auf und Ab, das Gefühlskarussell aus Enttäuschungen und Höhenflügen – so spannend das sein mag.